Pauschal festgestellt, gehöre ich in den Augen der Gesellschaft in zwei Schubladen: Einmal die Tucke mit enger Schlaghose und zuviel Meinung über Mode. Für andere stelle ich den versoffenen Proleten dar, der nichts als Autos im Kopf hat.

Als vielseitig interessierter Kerl stehe ich ständig im Kreuzfeuer eingerosteter Klischees: Wenn ich mich ordentlich anziehe, und sei es nur zum Einkaufen fürs abendliche Kochen, laufe ich ständig Gefahr, für einen Schnösel gehalten zu werden. Oder für schwul. Oder für einen schwulen Schnösel. Dazu mein ständiges Karten-Zahlen an der Supermarkt-Kasse. Ja, aber. Aber: Soll ich vielleicht irgendeinen Arbeiter-Dialekt, in meinem Fall berlinerisch, imitieren und dazu eine Jogginghose tragen? Wenn ich dann mit Kleingeld Bier bezahle, sehen alle das asoziale Gegenüber und rollen mit den Augen. Dass Kleider tatsächlich Leute machen, übersehen die Pfeifen alle mal gerne. Wenn ich dann abends die Frau an der Bar abschleppe, ist es auch wieder nicht recht.
Meine Hobbies liegen ebenfalls stets unter Beschuss: Als Fan amerikanischen Altmetalls besuche ich gerne die Hot Rod-Treffen im umliegenden Brandenburg. Dort gibt es tagsüber nur Burnouts und Autorennen. Deswegen bin ich da. Abends wird gesoffen, was die Leber aushält. Da ohnehin fast keine Frauen da sind – warum also nicht? Damit bin ich oft als Proll unterster Sorte, der mit Golf GTI’s assoziiert wird, verschrien. Andererseits bin ich sehr an jüngerer Kulturgeschichte und bzw. in Form von älterem Gebrauchsdesign wie Grafik, Möbel, Lampen oder Schnapsplatten interessiert. Und bin damit schon wieder schwul, weil meine Einrichtung mehr hergibt und mehr Style hat ist als eine „topaktuelle Wohnwand in schwarz oder im Buchelook“ von Domäne oder diese grauenhaften Wohnlandschaften in mediterranen Farben. Freunde, dann kauft diesen Mist halt nicht!
Mein Fazit: Leckt mich alle mal am Aschenbecher. Meiner ist verchromt, weist wie ein Apple-Produkt gelungene Rundungen auf und steht ohne „West“-Aufdruck auch nicht auf einem gekachelten Couchtisch. Neben meinem selbst konzipiertem Tischchen, das auf einer 19 Zoll-Mercedes-Felge basiert, sitze ich im alten cremefarbenem Ledersessel, trinke Bier und genieße – inzwischen nicht mehr negativ konnotiert – selbstgedrehte Kippen. Alternativ Zigarillos und Cocktails. Dazu spannende Autofilme aus Zeiten vor meiner Geburt am 42“-Fernseher. Ansonsten lese ich gerne Automagazine, ja die ordentlichen ohne nackte Weiber auf Motorhauben, oder alte Romane. Wenn dann bald der Winter herein bricht und ich wie schon länger knielange Wildledermäntel (warm und kuschelig) trage, kommt endlich wieder der Zuhälter-Ruf hinzu…